Meldung vom 21.01.2026 / DEG
Was das EU-Mercosur-Abkommen für die Wirtschaft bedeutet
Mit der Unterzeichnung des EU-Mercosur-Handelsabkommens am vergangenen Wochenende rücken Europa und Lateinamerika wirtschaftlich enger zusammen. Doch was bedeutet dieser politische Durchbruch konkret für Investitionen, Lieferketten und ESG-Standards in der Praxis? Im Interview äußert sich Lateinamerika-Experte Justus Vitinius, Director Industries and Services Latin America bei der DEG, über Chancen für Unternehmen, die geopolitische Bedeutung des Vertrags und verborgene Potenziale.
Das EU-Mercosur-Abkommen wurde nach jahrzehntelanger Verhandlung jetzt, im Januar 2026, unterzeichnet. Wie ist dieser Schritt aus geopolitischer und wirtschaftlicher Sicht zu bewerten?
Justus Vitinius: Das Abkommen hat nicht nur aus meiner Sicht eine enorme politische Dimension. In Lateinamerika nehmen es viele Akteure so wahr, dass Europa und Deutschland den Kontinent über viele Jahre vernachlässigt haben. Die entstandene Lücke wurde massiv von China gefüllt. Ohne diesen Abschluss jetzt wäre das Interesse der Mercosur-Staaten an einer Kooperation mit uns wohl weiter gesunken. Jetzt hat Europa die Chance, die Zusammenarbeit auf eine neue Stufe zu bringen. Auch wirtschaftlich entsteht eine neue Anziehungskraft: Der klare politische Wille zur Kooperation wird deutsche Unternehmen dazu bringen, wieder verstärkt über Investitionen in Südamerika nachzudenken. Insbesondere in Brasilien, aber auch zum Beispiel in Argentinien, aktuell ein Wachstumsmotor.
Welche konkreten Vorteile ergeben sich durch das Freihandelsabkommen für Unternehmen vor Ort und für Kunden der DEG?
Vitinius: Es geht in erster Linie um den erleichterten Handel. Für unsere lokalen Kunden in Südamerika und auch für deutsche Unternehmen, die dort investiert sind, verbessern sich die Chancen erheblich, ihre Produkte nach Europa zu exportieren. Das Abkommen bedeutet zwar nicht, dass sofort alles zollfrei ist – gerade bei Agrarprodukten gibt es Quoten – aber die Hürden sinken. Wichtig ist nicht nur der reine Warenverkehr: Das Abkommen sendet ein Signal der Stabilität, das Investitionsentscheidungen positiv beeinflussen wird.
Ein Kernpunkt der Verhandlungen waren Nachhaltigkeitsstandards (ESG). Kann ein solches Handelsabkommen zu besseren Umwelt- und Sozialstandards in der Region beitragen?
Vitinius: Ja, aber man muss das differenziert sehen. Für Unternehmen, die nach Europa liefern wollen, werden die Standards, etwa beim Thema Entwaldung, definitiv restriktiver. Das incentiviert Firmen, die ohnehin aus eigener Motivation ein solides ESG-Management fahren, diesen Weg weiterzugehen. Allerdings ist das Abkommen hierbei kein Allheilmittel: Ein Großteil der südamerikanischen Wirtschaft orientiert sich weiterhin nach Asien. Wer primär Geschäfte mit China macht, wird sich von europäischen ESG-Vorgaben kaum beeindrucken lassen. Hier wird es darum gehen, die richtigen Anreize zu setzen.
Wenn wir über den Tellerrand der großen Märkte wie Brasilien schauen: Wo liegen spezifische Wachstumschancen in der Region, die europäische Investoren vielleicht noch gar nicht auf dem Schirm haben?
Vitinius: Der Fokus vieler deutscher Unternehmen ist oft sehr verengt auf die großen „Platzhirsche“ Brasilien und Mexiko. Dabei gibt es hochinteressante Nischenmärkte. Ein gutes Beispiel ist Costa Rica: Das Land hat eine sehr gut ausgebildete Bevölkerung und sich erfolgreich auf Medizintechnik spezialisiert. Die DEG hat dort bereits einen Industriepark finanziert. Wir sehen aber, dass das Interesse daran bisher fast ausschließlich von US-amerikanischen Unternehmen kommt. Dort, aber auch in Ländern wie Guatemala oder Kolumbien, liegt viel Potenzial. Und natürlich bleibt der Agrarsektor über die gesamte Region hinweg auch in Zukunft zentrales Thema.
Wo sehen Sie in diesem neuen Umfeld die Rolle der DEG?
Vitinius: Das Potenzial in der Region ist groß, gerade weil wir mehr als nur Geldgeber sind. Wir als DEG können Unternehmen begeistern, weil wir Liquidität mit unseren Förderprogrammen und Beratungsleistungen kombinieren. Wenn durch das Abkommen und die Akzentsetzungen der Bundesregierung privatwirtschaftliche Förderung stärker in den Vordergrund rückt, können wir unsere Kunden auch gezielt dabei unterstützen, neue Exportchancen zu nutzen und ihre Standards zu verbessern. Das kann unsere Tätigkeit in der Region sehr beleben und nutzt deutschen und lateinamerikanischen Unternehmen.
Weiterführende Informationen
Einen Überblick über alle Angebote der DEG für deutsche Unternehmen finden Sie hier: DEG für deutsche Unternehmen
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